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DAS LETZTE WORT
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03.12.18 06:41
bruddl-supp.de 

Moderator

DAS LETZTE WORT

Ich bin ein Mensch, der sich bei einer Satz-Formulierung sehr viel Mühe gibt, weshalb ich auch in der Lage bin, kleinere Gedichte und Geschichten zu schreiben. Wenn ich im Gespräch von irgendjemand irgendetwas fordere, begründe ich meinen Wunsch mit ausschweifenden Haupt- und Nebensätzen, um dann gegen Ende mein Anlegen deutlich und meist mit einer Bitte verbunden höflich bestimmt zum Ausdruck zu bringen.

Ich möchte mal ein Beispiel geben. Ich sage zu meinem pubertierenden Sohn: „Wenn man nicht auf Sauberkeit achtet, bilden sich größere Schmutz-Ansammlungen. Diese sind der Nährboden für allerhand Ungeziefer in Käfer- und Insekten-Form, das hier in der Gegend gedeiht. Auch wurden schon ein paar Ratten hinter dem Haus gesichtet. Würdest du deshalb bitte sofort dein Zimmer aufräumen und reinigen, um einen solchen Schädlingsbefall zu vermeiden?“ Da sollte man jetzt doch meinen, man hätte sich klar und umfangreich genug ausgedrückt. Die richtige Antwort auf meine Forderung wäre: „Jawohl, Papa, das sehe ich ein. Gleich morgen oder übermorgen räume ich meinen Dreck weg.“ Ob jenes dann tatsächlich geschieht oder nicht, steht auf einem andern Blatt, aber zumindest wäre dies der Abschluss eines vernünftigen Vater-Sohn-Gesprächs gewesen.

Leider folgt aber auf solche Bitten von mir meist eine unverschämte Floskel wie „nur in deinen kühnen Träumen“ oder „vielleicht am Sankt-Nimmerleins-Tag“ oder „räum doch selber auf, wenn´s dir nicht passt“. Diese dahingeworfenen Unverschämtheiten nenne ich immer „das letzte Wort“, weil mir danach - gekränkt wie ich bin - einfach keine Erwiderung mehr einfällt.

Nicht nur mein Sohn beherrscht solche Brüskierungen hervorragend, auch seine Mutter ist eine wahre Meisterin darin. Nun gut, von irgendwem muss er es ja auch haben.

Meine Kollegen und mein Chef erweisen sich ebenfalls sehr geschickt darin. Ich rede, schwafle, überzeuge und begründe, das letzte Wort haben aber immer die andern, indem sie mir einfach am Ende meines Monologs einen schnippischen Kurz-Satz in die Ohren stopfen.

„Wenn du meinst – das hättest du wohl gerne – da nimmt sich aber jemand wichtig – da könnte ja jeder kommen“, sind ihre Kommentare, die in diese Kategorie gehören. Man steht einfach verdattert da und weiß nicht, was man dazu noch meinen soll. Deshalb wird das letzte Wort immer vom Gegenpart gesprochen, wobei der sich nicht so große Mühe bei der Gestaltung des Gesprächs geben muss wie man selbst.

Je simpler die Leute gestrickt sind, desto treffender wirken deren Wort-Hülsen. Manchen Angesprochenen genügt eine einzige solche Floskel für ihr ganzes Leben. Egal was du zu welchem Thema zu denen auch sagst, kommt dann am Ende wie aus der Pistole geschossen die Erwiderung: „Weißt du was? Du kannst mich mal!“ Damit ist das Gespräch im Keim erstickt, und du musst aufgeben.

Da lobe ich mir doch geistreiche Diskusionen mit Ähnlichdenkenden. Ich bin einem Literaturzirkel beigetreten und lausche bei den Sitzungen den wunderbaren Ausschmückungen bei Begründungen und kritischen Anmerkungen, in denen meine schriftstellerischen Ergüsse zerrissen werden. Welch eine Wohltat zur stumpfsinnigen Alltags-Sprache meiner sonstigen Umgebung.

Gestern kam mein pubertierender Sohn mit beiden Händen bis zu den Ellenbogen in den Taschen seiner Jogging-Hose ins Wohnzimmer geschlappt und raunzte mich an: „Ich will mehr Taschengeld!“ Ich hätte jetzt sagen können: „Nur in deinsten kühnen Träumen“ oder „vielleicht am Sankt-Nimmerleins-Tag“, aber man will ja auch erziehen. „Kannst du das vernünftig begründen?“ fragte ich deshalb hoffnungsvoll. „Wozu? Gib mir einfach mehr Schotter.“ „Ich will aber wissen, wofür.“ „Vergiss es, was geht’s dich an?“ „Das ist ja schließlich mein sauer verdientes Geld. Mich interessiert´s schon, wozu du es benötigst.“ „Weißt du was? Du kannst mich mal. Dann klau ich mir halt irgendwo was, und du bist schuld!“ Wieder hatte ich das letzte Wort verpasst. Der „Sankt-Nimmerleins-Tag“ in Verbindung mit der Forderung, zuerst das Zimmer aufzuräumen, dann gäbe es auch mehr Taschengeld, wäre wohl am besten für ein erfolgreiches Ende geeignet gewesen. Aber sicher kann man das natürlich nie wissen.

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