| Passwort vergessen?
Sie sind nicht angemeldet.  Anmelden

Sprache auswählen:


DER ALTE HAUSMEISTER
  •  
 1
08.08.18 09:09
bruddl-supp.de 

Moderator

DER ALTE HAUSMEISTER

Mit 15 war ich als Stift in die Fabrik gekommen und wurde dort ein paar Jahre lang in allen Bereichen eingewiesen und angelernt. Schon damals schlich der Hausmeister in seinem grauen Kittel durch die Werkshallen und achtete darauf, dass keine leeren Bierflaschen zwischen den Bändern herumstanden. Die sammelte er sofort ein und brachte sie in die Kantine.

Gutmütig nickten ihm die Arbeiter zu und ab und an drückte ihm mal einer eine volle Flasche in die Hand. Dann strahlte der Graukittel über sein faltiges Gesicht, die rote Nase funkelte und der struppige Schnurrbart zitterte. Das Alter dieses Mannes war schlecht einzuschätzen. Als ich anfing, dürfte er schon so um die fünfzig gewesen sein.

Jahr um Jahr zog durchs Fabrikgelände, ich sah Kollegen in Rente gehen und neue Auszubildene anfangen. Ich selbst hatte mich in der Zwischenzeit ganz schön hoch gearbeitet, war nun auch Meister an einer Werksmaschine und versuchte, jungen Leuten etwas beizubringen. Unser Hausmeister hatte sich kaum verändert. Er schlich immer noch durch die Hallen und sammelte Flaschen ein. Ab und zu drückte ich ihm gemäß der Tradition eine volle Pulle in die Hand, um seinen Schnurrbart mal wieder zittern zu sehen.

Dann fragte ich mal einen älteren Kollegen beim Mittagessen, wie lange denn der Hausmeister schon in der Firma wäre. „Hausmeister? Das glaubst du doch selber nicht,“ lachte der Mann dröhnend. Aber mehr wollte er mir nicht verraten.

Jetzt war ich natürlich neugierig geworden. Aber jeden, den ich über den Graukittel ausfragen wollte, sah mich nur seltsam an und schüttelte den Kopf. Ich könnte wetten, dass die selber nicht wussten, was mit dem Mann los war.

Eines Tages schlich der Typ wieder durch meine Abteilung und ich ging einfach auf ihn zu. „Darf ich Sie bitte mal was fragen?“ „Nur zu, junger Freund. Wo brennt´s denn?“

„Ich seh Sie schon so viele Jahre hier durch die Hallen gehen. Sie müssten doch auch langsam das Rentenalter erreicht haben?“ „Ganz schön neugierig. Für wen halten Sie mich denn?“

„Ja, sind Sie denn hier nicht der Hausmeister vom Betrieb?“ fragte ich verdutzt.

Da lachte der Alte laut auf, dass seine Schnauzbartspitzen zitterten wie noch nie. „Stellen Sie bitte mal kurz Ihre Maschine ab und folgen Sie mir.“ „Das glaube ich nicht, dass ich das so einfach darf. Es wäre dem Betrieb gegenüber verantwortungslos.“

„Wenn ich sage, dass Sie das können, dann machen Sie das auch.“ Also folgte ich ihm mit schlechtem Gewissen. Er schlurfte durch die Vorhalle ins Bürogebäude nebenan und ging über die Treppe in den ersten Stock. Dort öffnete er eine Tür. Auf einem Schild stand „Werksleitung“.

„Setzen Sie sich!“ Er wies auf einen Stuhl vor dem dortigen Schreibtisch, ging selbst dahinter und zog aus einer Schublade eine Flasche Cognac und zwei Gläser hervor. Nachdem ich ausgetrunken hatte, schenkte er mir nochmals nach.

„Guter Mann, Sie sind der erste und einzige hier in der Firma, dem aufgefallen ist, dass ich schon sehr lange hier arbeite und in Rente gehöre. Aber das geht bei mir nicht so einfach, mir gehört nämlich diese Fabrik.“

Als ich den Mund vor Staunen nicht mehr zu bekam, schlenderte er herüber und schlug mir auf die Schulter. „Ich habe keine Nachkommen, weil ich noch nie verheiratet war. Wenn ich das Unternehmen an irgend einen Investor verkaufe, stehen meine ganzen Arbeiter von heute auf morgen am Ruin. Das will ich auf jeden Fall verhindern.“ Er schenkte nochmals ein. „Ich beobachte Sie schon viele Jahre. Sie sind verantwortungsbewusst, loyal, ein guter Ausbilder und selten krank. Außerdem standen in Ihrer Nähe niemals irgendwelche leeren Bierflaschen herum. Ich möchte Sie als meinen Nachfolger zum Firmenchef ernennen. Wie das mit den Finanzen und der Erbfolge weitergeht, lassen wir noch durch Spezialisten ausarbeiten. Wären Sie denn überhaupt einverstanden.“

„Nie und nimmer,“ lallte ich, „ich lass mich doch hier nicht von einem Hausmeister verarschen!“

Social Networks:
Empfehlen Sie diesen Inhalt...
Erst aktivieren, dann empfehlen. So übertragen Sie Daten nur, wenn Sie es wünschen.
 1
Schnauzbartspitzen   Zwischenzeit   einzuschätzen   Werksleitung&   Auszubildene   ausgetrunken   verantwortungslos   herumstanden   HAUSMEISTER   irgendwelche   Bierflaschen   Fabrikgelände   einverstanden   Schreibtisch   Werksmaschine   verantwortungsbewusst   verheiratet   beizubringen   Schnurrbart   Spezialisten