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EIN VORURTEILS-TROLL
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09.11.18 06:52
bruddl-supp.de 

Moderator

EIN VORURTEILS-TROLL

Unser neuer Nachbar hier im Mietshaus scheint so ein richtiger Troll zu sein. Er hat eine plumpe, untersetzte Gestalt, krumme Beine, eine dicke Knollennase und nach allen Seiten abstehendes, struppiges Haar in undefinierbarer Farbe. Er trägt immer eine zerbeulte Buxe mit Hosenträgern, ausgelatschte Schuhe und ein altes Sakko, das am Bauch spannt. Den Höhepunkt seines Aussehens bildet aber eine weißgepunktete rote Fliege, die er meist unter cremefarbenen Hemdkrägen hervorblitzen lässt.

Das Gesicht dieses Trolls wirkt ständig abwesend, als ob er seine Umwelt ignoriert. Er grüßt niemanden im Haus, es sei denn, er wird angesprochen. Dann schaut er kurz auf, nickt irritiert und geht prompt weiter seiner Wege.

Natürlich wird über ihn in unserer Hausgemeinschaft getuschelt. Man schließt Wetten über seinen möglichen Beruf, seine Religionszugehörigkeit und seine Nationalität ab. Als Prämie wird ein neuer Putzeimer aus Plastik angesetzt. Jeder zahlt einen Euro in die Wettkasse ein. Die meisten Nachbarn tippen auf einen jüdischen Hausierer slawischer Herkunft, aber ich hab ihn noch nie mit einem Bauchladen oder Koffer gesehen. Ich persönlich meine natürlich, es handelt sich um einen geheimnisvollen Schamanen aus Skandinavien.

Unser Hausmeister kann oder will diese Fragen nicht klären, weil er laut Arbeitsvertrag dazu verpflichtet ist, keine Daten über Mieter des Hauses weiterzugeben. Das heizt allerdings die Gerüchteküche erst so richtig an. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die ersten Kinderschänder- und Mörderfantasien die Runde machen und der Lynchmob Seile für die nächste Eiche knüpft.

Ich bin berufsmäßig Musiker, und man hat mich vor kurzem eingeladen, beim nächsten Weihnachtsfest der hiesigen Universität ein paar meiner Werke auf dem Klavier vorzutragen. Deshalb wurde ich vor den dortigen Fest-Ausschuss zitiert, um näheres abzustimmen. Zu meiner Überraschung saß dort auch mein Troll-Nachbar im Komitee. Auf meinen Wunsch hin stellte man uns vor. „Dies ist Professor Lutin aus der astrophysischen Fakultät,“ erläuterte mein Ansprech- Partner. Der Troll nickte mir zu, war aber mit seinen Gedanken gerade in anderen Sphären, vermutlich auf dem Mars. Er erkannte mich nicht, obwohl ich ihm im Mietshaus täglich über den Weg lief.

Professor „Lutin“ also. Außerirdisch klang das nicht, eher schon ziemlich in östliche Richtung. Da hätten dann wohl die tippenden Nachbarn bei den slawischen oder russischen Wurzeln richtig gelegen.

Allerdings könnte man den Namen international auch anders aussprechen, englisch oder französisch zum Beispiel. Folglich googelte ich da verschiedene Möglichkeiten durch und wurde zu meinem Entzücken auch fündig. Hallo, jetzt würde ich die Nachbarschafts-Verlosung bei meinen Beweisen bestimmt mit Abstand gewinnen!

Ein Troll ist auch nichts anderes als eine Art Zwerg aus dem Märchenreich, allerdings aus dem nordischen. Und Lutin? Das Internet bringt alles an den Tag. Lutin ist im Französischen ein Ausdruck für „Kobold!“ Na also, ich wusste es doch! Her mit dem Putzeimer.

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