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GEFIEDERTE FREUNDE
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12.08.18 09:08
bruddl-supp.de 

Moderator

GEFIEDERTE FREUNDE

Der Neckar ist etwa hundert Meter Luftlinie von meiner Wohnung entfernt, weshalb ich da öfters am Flussufer entlang spazieren gehe. Dabei traf ich da früher ab und zu auf eine alte Dame, die immer auf der gleichen Holzbank saß und Vögel fütterte.

Man merkte schon von weitem, dass sie auf ihrem Stammplatz hockte, weil ganze Scharen ihrer gefiederten Freunde um sie herumschwirrten, -flatterten und -schnatterten und sich gegenseitig die Brotkrumen nicht gönnten, die die Frau aus einer Papiertüte heraus in ihre Richtung warf.

Da drängten sich riesige Schwäne, Brandgänse, alle möglichen Entenarten, Blässhühner, Möwen, Tauben, Krähen und natürlich freche Spatzen, die zwischen den andern Vögeln herumwuselten.

Ich kannte die Dame vom Sehen her dann schon ein paar Jahre, als mir auffiel, dass sie sich immer wieder leicht veränderte.

Anfangs unserer Bekanntschaft trug sie zum Beispiel immer einen grauen Staubmantel und einen dunklen Glockenhut, dann hatte sie plötzlich einen Stoffhut mit Krempe und Pfauenfedern auf dem Kopf, und in letzter Zeit trug sie gar immer eine Feder-Boa um den Hals.

Beim Füttern bewegte sie ihren Kopf zuletzt meist ruckartig hin und her und nickte dazu. Hatte sie früher immer Worte gerufen wie: “nicht so gierig“ oder „lass den andern doch auch was“, gab sie jetzt immer mehr komische Geräusche von sich, die man von den Lauten kaum unterscheiden konnte, die die von ihr betreuten Tiere ausstießen. Sie zwitscherte, gackerte, gurrte und krähte, dass einem Angst und Bange wurde, wenn man sich dort zwischen den Gierhälsen vorbei drängte.

Eines Tages saß sie nicht mehr auf der Bank, sondern inmitten der Vögel im Gras der Uferböschung. Offenbar wurde sie jetzt selbst immer mehr zum Vogel oder bildete sich das zumindest ein. Dieses Verhalten sollte ihr schließlich zum Verhängnis werden.

Als ich sie längere Zeit nicht mehr gesehen hatte, befragte ich einen städtischen Arbeiter, der immer die dortigen Papierkörbe leert, ob er was über die alte Dame wüsste.

„Das ist eine schreckliche Geschichte,“ erklärte mir der Mann. „wir haben sie vor kurzem tot auf dem Boden gefunden. Die Raben hatten ihr die Augen ausgepickt und Amseln und Meisen saßen auf ihr und fraßen Käfer und Maden, die auf ihr herumkrabbelten.“

„Offenbar wollte sie so sterben,“ sagte ich, „sie hat sich wohl selbst immer mehr als Vogel gefühlt und fütterte ihre gefiederten Freunde noch nach dem Tod weiter. Ihr sind bestimmt danach Flügel gewachsen und sie schwebt jetzt als Engel hier über uns herum.“ Ich zeigte auf eine Möwe, die gerade hoch über dem Neckar kreiste.

Der Mann starrte mich ganz entsetzt an, schlug mit den Fingern drei Kreuze vor der Brust und entfernte sich fluchtartig, wobei er fast den Abfallbehälter fallen ließ.

„Was für ein komischer Vogel!“ hörte ich ihn noch missbilligend vor sich hinschimpfen.

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