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HAU DEN LUKAS
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12.06.18 00:08
bruddl-supp.de 

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HAU DEN LUKAS

Einmal im Jahr wird bei uns im Dorf eine Kirbe veranstaltet - das ist ein bunter Jahrmarkt mit allerlei Schaustellerbuden, Fahrgeschäften und einem riesigen Bierzelt. Für Schleckermäulchen wird dort vielfältiges dargereicht: Von der Zuckerwatte bis zum Fischbrötchen und vom gerädelten Rettich bis zum Knusperhähnchen scheint alles vorhanden zu sein.

Als Kinder zog es uns natürlich auf die Karussells und in die Boxautos, doch ab dem jugendlichen Alter waren dann eher die Vergnüglichkeiten im Festzelt angesagt. Dort spielte auch immer eine Trachtenkapelle furchtbar schräge Blasmusik, die die Festgäste offensichtlich nur im Vollrausch ertragen wollten.

Mein Vetter Lukas und ich beschlossen eines Tages, den Trompetern jener Kapelle einen lustigen Schabernack zu spielen. Wir mochten damals so um die sechzehn, siebzehn gewesen sein und hatten gehört, dass es die Blechspucker total aus der Fassung brachte, wenn man vor die Bühne trat und auf Zitronenscheiben herumlutschte. Angeblich kriegen die Musikanten dann ein trockenes Mundwerk und können ihr Instrument nicht mehr richtig bedienen.

Wir beiden Schelme stellten uns also eines Samstagnachmittags genau vor das erhöhte Podium, winkten wichtigtuerisch den Gamsbärten zu und kauten auf unseren Zitronen herum. Plötzlich hörte man nur noch die Pauke und das Klavier im Hintergrund. Ein Bierkrug flog von der Bühne und traf Lukas voll an der Stirn. Dann ließen die lederhosentragenden Falschspieler ihre Instrumente fallen und stürmten auf uns los.

Das Bierzelt war zu diesem Zeitpunkt brechend voll. Sofort erhoben sich wie auf Kommando zahlreiche Trinker von ihren Bierbänken und rannten Krüge schwenkend Richtung Bühne. Es entstand ein riesiger Tumult. Jeder prügelte vor sich hin. Dabei fielen Mengen von Tischen und Bänken um, wobei Krüge, Gläser und Teller mit Hähnchen und Rettich auf den Dielenboden krachten.

Frauen rannten kreischend auf die beiden Ausgänge zu, wo sie sich gegenseitig drängten, schubsten und ebenfalls vermöbelten.

Ich zog meinen Vetter Lukas hinter mir her. Er hatte eine klaffende Platzwunde an der Schläfe erlitten. Wir kletterten unter den Tischen durch und warteten in der Nähe der Toiletten feig abgeduckt darauf, dass endlich die Ausgänge frei wurden.

Dort fand uns der Kapellmeister, der mit dem Zeltwirt zusammen offensichtlich gezielt nach uns zwischen den Tischreihen gesucht hatte. Geschickt flüchtete ich aufs Pissoir, aber Lukas konnte mir nicht schnell genug folgen. So viel Schläge wie an diesem Nachmittag hat er wahrscheinlich sein ganzes restliches Leben nicht mehr einstecken müssen.

Selbstverständlich hatten die beiden Schläger auch gekonnt Namen und Adressen aus Lukas herausgefoltert, und so kam hinterher noch eine stattliche Rechnung auf unsere Eltern zu. Sie sollten sämtliche Schäden sowie den daraus folgenden Nutzungsausfall bezahlen. Mein Vater war Versicherungsvertreter. Er nahm die Geschichte auf die leichte Schulter und lachte sogar über den misslungenen Streich.

Aber meinen Onkel habe ich noch nie so wütend gesehen. Natürlich bekam der arme Lukas da gleich nochmals eine ordentliche Portion Dresche ab. Der arme Tropf ist nie wieder mit mir zusammen auf einen Jahrmarkt gegangen. Und wenn er irgendwo Blasmusik hört, rennt er sofort schreiend davon.

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