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KLABAUTERMANN
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08.11.18 07:58
bruddl-supp.de 

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KLABAUTERMANN

Der Großvater meines Jugendfreunds Jörg ist vor vielen Jahren vom hohen Norden hierher ins Schwäbische übersiedelt, um irgendwelchen mystischen Kräften zu entfliehen. Offenbar hatte er früher als Seemann ein tiefgreifendes Erlebnis, das ihn zu solch einer dramatischen Maßnahme veranlasste.

An einem regnerischen Herbsttag war ich bei Jörg zu Besuch, wir dürften da beide so um die 10 Jahre alt gewesen sein. Der Sturm rüttelte an den klapprigen Fensterläden. Dies erinnerte den Alten wohl an die Abenteuer aus seiner Seefahrer-Zeit, und er begann uns eine merkwürdige Geschichte zu erzählen.

Der Opa hatte als junger Mann in Hamburg auf einem Frachter angeheuert und war auf diesem an der Westküste Britanniens in einen fürchterlichen Nordsee-Orkan geraten. Dabei hatte er angeblich einen kleinen Kobold über das Deck huschen sehen, der den Seeleuten mit der Faust drohte. „Es war der leibhaftige Klabautermann!“ berichtete der Alte mit schreckgeweiteten Augen. „Das Schiff kenterte mit Mann und Maus. Ein paar Kameraden und ich klammerten uns an ein vorbeitreibendes Rettungsboot, aber der Kobold saß auch auf diesem. Ein paar Stunden später strandeten wir an einer Felseninsel. Der Kobold verschwand. Zuvor stieß er noch Verwünschungen aus und prophezeite, jeden von uns noch endgültig abzumurksen.“

Die Schiffbrüchigen waren dann nach in die Hansestadt zurückgekehrt. In den folgenden Jahren starb einer nach dem andern von ihnen bei irgendeinem Unglück. Einer wurde vom Laster überfahren, ein anderer stolperte bei Schweißarbeiten auf der Werft in eine offene Luke und brach sich das Genick, und ein weiterer stürzte mit Schlaganfall von der Kaimauer. Alle diese Unfälle geschahen in der Nähe des Wassers, also in Hamburg an der Elbe, ihren Nebenflüssen oder den Hafenanlagen. Da hatte sich Jörgs Großvater seinen Reim drauf gemacht, hatte seine sieben Sachen zusammengepackt und war in den Süden der Republik geflüchtet, weit weg von den gefährlichen Wasserwegen.

Das war eine äußerst spannende Geschichte, auch wenn der Alte dabei etwas überdreht wirkte. Jörg und ich waren richtig „begeistert“.

Im heißen Sommer des Jahres darauf fuhren Jörg und ich mit dem Fahrrad zum Schwimmen an den nächsten Baggersee. Beim Herumplantschen erlitt Jörg plötzlich einen Krampf im Oberschenkel und ging unter wie ein nasser Sack. Ein Bademeister zog ihn aus der Brühe und machte erfolgreich Wiederbelebungsversuche. Jörg musste aber trotzdem mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus.

Ich brachte sein Fahrrad heim und berichtete Jörgs Opa von der Sache. Der Alte fasste sich mit weit aufgerissenen Augen ans Herz und rief: „Jetzt hat er mich der Klabautermann doch noch erwischt!“ Anschließend röchelte er und sank sterbend zu Boden. Das war wirklich ein furchtbares Drama!

Neugierig schlug ich kurz darauf im Lexikon unter „Klabautermann“ nach. Dort stand: “Fabelwesen aus dem Seemannsgarn. Es soll sich um einen in Koboldsform erscheinenden freundlichen Geist handeln, der Schiffe vor Unheil bewahrt und die Besatzung davor warnt.“ Also gab es sie wohl doch, die Kerle! Aber irgendetwas an der Geschichte von Jörgs Großvater konnte dabei nicht ganz gestimmt haben.

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