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MEINE BANK
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16.05.18 18:50
bruddl-supp.de 

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MEINE BANK

Ich bin seit ein paar Jahren Rentner und habe jede Menge Möglichkeiten, meine mir noch verbleibenden Tage einigermaßen sinnvoll auszufüllen. So spaziere ich, wenn ich Lust habe, vormittags öfters hier am Fluss entlang.

Dort stehen alle zweihundert Meter rustikale breite Holzbänke, wo man sich regelmäßig ausruhen und die Enten beobachten kann, die auf dem trüben Wasser schnatternd dahintreiben.

Meine Lieblingsbank steht in einer lichten Buschreihe direkt am Uferdamm. Wie oft bin ich da schon gesessen, habe in Erinnerungen geschwelgt und nebenbei kleine Brotkrumen auf die bettelnden Wasservögel geworfen.

Seit ein paar Wochen habe ich nun keine Chance mehr, einen Sitzplatz auf dieser meiner Bank zu ergattern. Dort thront nämlich dick und breit ein anderer alter Mann. Es ist immer derselbe. Ich habe alle möglichen Uhrzeiten ausprobiert. Komm ich um neun, hat er sich gerade dort niedergelassen, um zehn scheint er immer noch zu sitzen, und auch gegen elf Uhr hockt er dort rum. Irgendwann muss er sich doch da mal wegbewegen, oder ist das seine Schlafstelle? Der Mensch ist mir äußerst unsymphatisch.

"Alter, du musst da wohl was planen," sage ich zu mir selbst und stelle meinen seit langem nicht mehr benötigten Wecker.

Ganz früh gegen acht Uhr stürme ich mit meinen knarrenden Kniescheiben aus dem Haus und folge fast schon eilig dem üblichen Spazierweg bis zu der lichten Uferböschung. Kann das wirklich wahr sein? Von weitem sehe ich, dass dieser antike Störenfried tatsächlich schon wieder auf meiner Bank thront. Es muss etwas geschehen, das kann ich mir wohl nicht länger bieten lassen. Auf dieser Bank hock ich schon seit Jahren, ich habe ein Recht auf sie!

So ein tumber Opi, wie der schon aussieht! Ausgebeulte Jeans und ein blau kariertes Hemd. Nun gut, so ähnlich bin ich ja auch angezogen, allerdings ist mein Hemd rot kariert und meine Nietenhose schlabbert nicht so. Und was der für einen komischen Kopf hat: Glatze und weißer Dreitagebart, dazu noch eine gesprenkelte Hornbrille! Es ist seltsam, aber auch das entspricht ja fast exakt meinem Äußeren, nur dass ich noch einen struppigen Schnauzbart trage.

Ich sehe trotz meiner gesprenkelten Hornbrille wirklich nicht mehr allzu gut, also schleiche ich ziemlich nah an den Ausgebeulten heran. Der ähnelt mir wirklich sehr. Je länger ich ihn anstarre, desto verblüffter bin ich. Das könnte fast mein Zwillingsbruder sein. Trotzdem kann ich ihn nicht leiden.

Spontan entschließe ich mich zu einer äußerst gewagten Aktion. Ich setze mich einfach zu dem greisen Großvater auf die Bank. Genug Platz ist ja vorhanden, aber normalerweise würde ich so etwas nie tun, weil ich keine fremden Menschen näher als zwei Meter an mich heranlasse. Jedoch gibt´s hier eine spezielle Situation, die baldmöglichst geklärt werden sollte.

"Grüß Gott," sage ich mit zuckersüßem Zungenschlag, "ist hier noch ein Plätzchen für mich frei?"

"Wenn´s denn sein muss!" antwortet der Knacker ziemlich mürrisch. Dasselbe hätte ich an seiner Stelle wohl auch gesagt. Ich wäre jedoch prompt aufgestanden und hätte mich verzogen. Der unverschämte Typ bleibt einfach sitzen.

Nun versuche ich ihm zu erklären, dass ich schon seit langer Zeit immer auf dieser Bank meine Pausen beim Spaziergang mache, jedoch in letzter Zeit immer ihn hier antreffe, weshalb ich meine alten Gewohnheiten nicht mehr ausleben kann. Ich schlage ihm vor, einen Zeitplan auszuhandeln.
"Montag, Mittwoch und Freitag 10 Uhr," empfehle ich vorsichtig, "Dienstag, Donnerstag, Samstag 9 Uhr?"

"Klingt vernünftig," antwortet unerwartet der betagte Rivale jovial, "so kommen wir uns nicht mehr in die Quere."

Ich verabschiede mich daraufhin höflich von dem mir ähnelnden zweiten Senior, erhebe mich mit schmerzendem Rücken und setze trotzdem fröhlich grinsend meinen Spazierweg fort. "Das ist dir gut gelungen, Alter," lobe ich mich dabei selbst.

Am nächsten Mittwoch gehe ich gegen 10 Uhr am Fluss entlang spazieren. Die Hummeln summen, die Meisen zwitschern, die Enten schnattern, die Sonne scheint, und ich fühle mich entspannt und friedlich.

Ich nähere mich der von mir beanspruchten Lieblingsbank. Ja, was ist das denn? Meine gute Laune schlägt unverzüglich in bittere Entrüstung um. Da sitzt doch tatsächlich ein neuer Greis mit schütterem weißem Haar und einem grün karierten Hemd und füttert meine Enten!

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