| Passwort vergessen?
Sie sind nicht angemeldet.  Anmelden

Sprache auswählen:


NELKEN IM CAFÉ
  •  
 1
09.11.17 11:05
bruddl-supp.de 

Moderator

NELKEN IM CAFÉ

Schon als ich das kleine Café betrat und mich suchend umschaute, hatte ich ein seltsames Grimmen im Bauch, so eine Mischung aus Unsicherheit und Abneigung. Mit der weißen Nelke am Revers war ich gebranntmarkt - jeder konnte erkennen, was ich hier wohl vorhatte.

Natürlich starrte die in schwarz mit weißem Schürzchen gekleidete Bedienung anerkennend grinsend auf mein Pflänzchen am maßgeschneidertes Jackett, grüßte mich aber äußerst freundlich.
Das Café existierte wohl hauptsächlich von solchen Verabredungen. Der Schweiß perlte mir auf der Stirn. Was könnte ich heute hier erreichen?

Im Lokal waren drei Tische besetzt, alle von einzelnen Damen. Eine Nelke zeigte sich jedoch nirgends. Jede der Damen musterte mich gründlich von oben bis unten. Eine mütterlich wirkende Frau mit ausladender Oberweite und in einem etwas zu engen grauen Kostüm zog dann schließlich eine weiße Nelke aus ihrer Handtasche und winkte mich damit in ihre Richtung.

Noch hatte ich nichts bestellt. Die Chance war da, auf der Stelle kehrt zu machen und die Szene zu verlassen. Da ging hinter mir die Eingangstür auf und ein reifer Mann mit sorgfältig gescheiteltem grauem Haar drückte mich entschuldigend zur Seite. Er trug eine rote Nelke am Sakko und steuerte zielbewusst auf eine zarte junge Dame am vorderen Tisch zu. Diese zog jedoch eine rosarote Nelke unter dem Tischtuch hervor und deutete mit bedauerndem Achselzucken auf eine im Hintergrund thronende ältere Dame, welche in der Zwischenzeit eine gleich geartete purpurne Blume präsentiert hatte.

Danach stürmte noch ein ausgemergelter Jüngling im Trachtenjanker ins Café, der eine rosa Pflanze in den feuchten Händen drehte. Na also, jetzt waren wir wohl komplett.

Offenbar leicht widerwillig gesellten sich alle Herren zu den für sie bestimmten Blümchen-Damen. Bevor ich mich setzte, schlug ich die Hacken zusammen und stellte mich der ausladenden Oberweite vor. Huldvoll reichte sie mir ihr weißes Patschhändchen, das ich mit einem Handkuss bedachte. Nun, ich bin ein Kavalier der alten Schule, und ich kenne mich bei Damen aus.

Das Kostüm meiner Partnerin hatte offensichtlich schon bessere Tage gesehen. Der Kragen war abgewetzt und die Bluse erschien mir zu hundert Prozent aus Polyakryl zu bestehen. Ihre ungeputzten Plastikschuhe hatten flache Absätze, die an den Außenkanten schräg abgenutzt wirkten. Außerdem hatte sie im Gesicht wohl ziemlich viel Spachtelmasse aufgetragen. Der Teint leuchtete in einem dezenten Schweinchen-Ton.

Ich winkte die freundliche Bedienung heran und bestellte augenzwinkernd eine Flasche Sekt der Hausmarke. Während ich meine Nachbarin mit Anekdoten von Persönlichkeiten aus der hiesigen Stadt unterhielt, beobachtete ich genau, was an den anderen Tischen so ablief.

Die beiden Älteren tranken Tee. Der Herr dort ließ seine Blicke ebenfalls schweifen und starrte öfters als erträglich auf die schlanke junge Frau, die er schon beim Betreten des Cafés als erstes beäugt hatte.

Seine Dame registrierte das mit arroganter Häme. Diese Frau hatte Klasse. Sie trug ein exklusives dunkelblaues Modellkleid, passende halbhohe Echtlederschuhe mit Goldauflagen, und sie schlug die Beine mit Stil übereinander, während sie an ihrem Teeglas nippte.

Die jungen Leute tranken Kaffee - Tassen, nicht Kännchen. Da wollte offenbar keiner lange ausharren. Allerdings gierte der Jüngling dauernd auf die Oberweite meiner Tischdame. Na also, jetzt konnte es ja losgehen!

Ich bestellte noch eine Flasche von der Hausmarke und lud dann meine Leidensgenossen und ihre Begleiterinnen ein, die Tische zusammenzustellen und gemeinsam ein Gläschen zu trinken. Der Ältere und die Klasse-Frau ließen sich nicht lumpen und bestellten ebenfalls einen Sektkühler an den Tisch.

Unter artigem Benehmen sorgte ich dafür, dass die Modellkleid-Dame an meiner Seite Platz nahm. Der Jüngling vertiefte sich ins Dekolleté der Akrylbluse. Der grau gescheitelte machte der Zarten unaufhörlich Komplimente.

Wie sich im sektvernebelten Gespräch herausstellte, war das Modellkleid der angeblichen Klasse-Frau für den Anlass nur geliehen, aber das Alter war echt.

Da hatte ich wohl die falschen Schlüsse gezogen und eigentlich gehofft, eine betuchte Dame kennenzulernen, die mir aus meinen üppigen Schulden helfen könnte.

Das Ablehnungsgefühl beim Betreten des Lokals hatte sich also bewahrheitet. Trotzdem egal, man sollte aus jeder Lebens-Situation immer das Beste machen.

Am Ende des Abends verabschiedeten wir uns alle vor dem kleinen Café, und die freundliche Bedienung ging mit mir nach Hause.

Social Networks:
Empfehlen Sie diesen Inhalt...
Erst aktivieren, dann empfehlen. So übertragen Sie Daten nur, wenn Sie es wünschen.
 1
Echtlederschuhe   entschuldigend   maßgeschneidertes   Trachtenjanker   Begleiterinnen   kennenzulernen   Leidensgenossen   Persönlichkeiten   Ablehnungsgefühl   zusammenzustellen   ausgemergelter   Schweinchen-Ton   Blümchen-Damen   Patschhändchen   Lebens-Situation   sektvernebelten   Modellkleid-Dame   verabschiedeten   offensichtlich   augenzwinkernd