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REICHE ERNTE, Teil 1
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10.10.18 08:51
bruddl-supp.de 

Moderator

REICHE ERNTE, Teil 1

Vor ein paar Jahren wurde ich einmal kräftig auf meinem Traktor durchgeschaukelt, als ich mit dem angehängten Mähdrescher duch das Roggenfeld an der Kreuzeiche ruckelte. Mir fiel auf, dass ich über irgend etwas größeres gefahren war, das offenbar nicht auf mein Feld gehörte. Folglich stieg ich vom Bulldog, ging am abgemährten Streifen zurück und entdeckte zwei durch meine Mäh-Messer angeschlitzte Jute-Säcke, in denen seltsame Gegenstände in der Sonne blitzten.

Zu meinem Erstaunen ergab eine nähere Untersuchung, dass sich in den Säcken Juwelen, Schmuck und Geschmeide befanden. Vorsichtig ging ich nun seitwärts zu den noch nicht abgemähten Ähren und entdeckte tatsächlich nochmals zwei solcher Säcke. Ich schleppte und lud alle vier Bündel auf meinen Trecker und barg sie später im Hof unter einer Heuschicht im Schober. Meiner Frau und meinen Kindern erzählte ich nichts davon.

Als ich danach im Wohnzimmer saß und überlegte, wen ich jetzt weiter um Rat fragen könnte, klopfte es kräftig an meine Haustür. Draußen stand ein etwa ein Meter großer Liliputaner mit Bart und Wollmütze.

`Was glotzt du so blöd, hast du noch nie einen Kleinwüchsigen gesehen?´ raunzte der Wicht. `Doch, im Vorgarten meines Nachbarn, aber der hatte keine so freche Klappe.´ Ich wollte meine Türe schließen, da stellte der Gnom einen seiner genagelten Stiefel in den Türspalt. `Du hast heute deinen Acker an der Kreuzeiche gemäht und dabei fünf Säcke entdeckt, die mir gehören!´ `Fünf Säcke - sagt wer?´ frage ich. `Ich habe gesehen, dass frisch gemäht wurde und deine Nachbarn gefragt, wem der Acker gehört. Also, streite es nicht ab, und rück mein Eigentum heraus,´ schimpfte der Zwerg. `Was ich in meinem Acker finde, gehört mir – und jetzt zisch ab.´ Ich ging raus zum Hofhund, der schon ganz aufgeregt an seiner Kette bellte und schirrte ihn ab. Jetzt wetzte der kleine Mann um sein Leben, aber mein Hasso erwischte ihn und machte ihm mit zwei Bissen am Kehlkopf den Garaus. Ich vergrub den Zwerg hinterm Misthaufen. Ich würde ihn später an die Schweine verfüttern.

Meiner Frau erklärte ich, dass Hasso einen Fuchs geschnappt hätte. Und als in den nächsten Tagen ein benachbarter Bauer fragte, ob ein Zwerg bei mir gewesen wär, antwortete ich: „Klar, aber gleich drauf kam ein Riese und hat ihn in der Westentasche mitgenommen.“ Von dieser Seite hatte ich wohl Ruhe.

Als dann die Kinder in der Schule und meine Frau auf dem Markt waren, untersuchte ich die Säcke des Liliputaners gründlich, nahm kleinere Sachen wie Ketten, Spangen oder Ringe aus dem Haufen und steckte die in einen extra Beutel. Den Rest beließ ich unterm Heu.

Ein paar Tage später fuhr ich in die Stadt und ging in ein Juweliergeschäft, wo man mich nicht kannte. `Ich habe eine Kuh verkauft und der Käufer hat mir eine Perlenkette dafür gegeben. Nun wollte ich wissen, ob mich jemand übers Ohr gehauen hat.´ Der Juwelier warf nur einen kurzen Blick auf die Perlen und sagte dann: `Letztes Jahr war eine Woche lang der Zirkus in der Stadt. In diesem Zeitraum wurde hier im Museum eingebrochen und der antike Kronschatz der Herzöge von Falkenburg entwendet. Man hatte fahrendes Volk im Verdacht, vor allem ein paar Kleinwüchsige aus der Clownstruppe, konnte ihnen aber nichts nachweisen, da die Beute nicht gefunden wurde. Das gehört mit Sicherheit dazu, junger Mann. Das müssten Sie der Polizei übergeben.´ `Alles klar, ich bring´s gleich hin,´ sagte ich, schnappte meine Kette und stürmte aus dem Laden.

Zu Hause machte ich mir Gedanken, wie ich die Beute versilbern könnte. Schließlich stammte sie von meinem Acker. Also fuhr ich zur Raiffeisenbank, nahm einen größeren Kredit auf und hinterlegte einige der Schmuckstücke als Sicherheit im Safe der Bank.

Ich beschloss nun, all das Geld in meinen Hof zu stecken: neue Äcker, genmanipuliertes Getreide, Gemüse, Raps und vergrößerte Viehhaltung. Mit Hilfe neusten Computer-Steuerung war ich in der Lage, meinen Betrieb zu managen, ohne allzuviel neues Personal einstellen zu müssen. Bald konnte ich auch meine Gebäude modernisieren. Es entstand ein richtiger Muster-Hof.

Ich rackerte und schuftete Tag und Nacht – und es zahlte sich aus. Ich überwies die Kredite an die Sparkasse zurück. In der Zwischenzeit hatte ich nach und nach die ganze Schmuck-Sammlung in diverse Schließfächer der Raiffeisenbank verfrachtet. Ich zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf, was ich mit dem ganzen Plunder noch anfangen sollte, war aber offensichtlich zu dumm dafür, auf eine vernünftige Idee zu kommen. Und schließlich wusste man auch nicht, was die Zukunft brachte. Einen Notgroschen zu besitzen, war sicher nicht schlecht.

Neulich saß ich auf meinem High-Tech-Electronic-Schlepper und wollte an der Kreuzeiche ein paar Bahnen durch den Boden ziehen, als es unmittelbar am Ackerrain wieder holperte. Na endlich! Da war er ja, mein fünfter Sack. Ich musste schmunzeln, als ich an das alte Sprichwort dachte: Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln. -

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