| Passwort vergessen?
Sie sind nicht angemeldet.  Anmelden

Sprache auswählen:


STURM AM SCHWÄBISCHEN MEER
  •  
 1
07.11.17 09:26
bruddl-supp.de 

Moderator

STURM AM SCHWÄBISCHEN MEER

Rund um die Welt gibt es etliche riesige und wilde Meere wie den Pazifik, den Atlantik oder die Nordsee bei Sturm.

Ich liebe größere Gewässer vom Strand aus, wenn die Sonne scheint und dort nur klelne Wellen lieblich plätschern. Auf ein Schiff bringt mich jedoch kein Mensch mehr, egal ob Ruderboot, Butterdampfer, Segeljolle oder Autofähre.

Das begründet sich auf einem traumatischen Erlebnis, das mir vor etwa zwanzig Jahren gegenüber der Insel Mainau widerfuhr. Mainau? Ganz recht, die liegt im Bodensee. Was kann einem da schon groß passieren? Na ja, immerhin wird der Bodensee auch das "Schwäbische Meer" genannt. Allerdings nur von den Schwaben selbst.

Ein Kollege von mir, ebenfalls ein Schwabe, hatte einen Wohnwagen auf einem Campingplatz nahe Meersburg stehen. Ich besuchte ihn, seine Frau und deren kleinen Sohn, der warum auch immer total auf mich stand, an einem Wochenende. Ich stellte neben ihnen mein Zweimannzelt auf und hielt mich für Grillabend, Besäufnis und nervige Kinderspiele bereit.

Plötzlich gab es da jedoch vor Ort eine weitere und von mir nicht erwartete, aber durchaus willkommene Nebenperson: Ein älterer Herr hatte seinen selbst ausgebauten VW-Bus dort geparkt und führte ein ebenfalls selbst, neu gebautes und relativ winziges Segelschiff auf dessen Dach mit. Er klinkte sich nach ersuchter Erlaubnis in unsere Runde ein.

Nach der ersten mittäglichen Grilleinheit, etlichen Schnäpsen und wunderbar grotesken Erlebnisgeschichten des älteren Mannes fassten alle Camping-Nachbarn den Entschluss, sofort noch am Nachmittag das neue Segelboot dieses Abenteurers auszuprobieren.

Die Gattin des Kollegen zog sich vorsichtshalber selbst aus dem Rennen. Sie müsste den Grill reinigen und die Gläser spülen. Um den kleinen Sohn kämpfte sie aber nicht wirklich heftig. Natürlich wollte der mit auf den See zum Segeln.

Reichlich angeschickert brachten wir den Kahn aufs Wasser, stellten den Mast hoch und rollten ein sackartiges Segel aus. Jeder pullte mit irgendeinem Ruderblatt oder Paddel, sogar der Kleine schob ein kleines Brett durchs Wasser. Warum wir tatsächlich vom Ufer ablegten und Richtung Mitte des Sees drifteten, kann ich mir bis heute nicht erklären.

Um uns kurvten dort kunstvoll andere Segelboote herum. "He, was macht ihr, liegt ihr hier vor Anker?" rief einer scherzhaft herüber. Unser Kapitän war um keine Antwort verlegen. Pausenlos servierte er seine unterhaltsamen Geschichten. Der Sohn meines Kollegen kreischte vor Vergnügen.

Schlagartig und unerwartet wandelte sich der Himmel über uns von blassblau mit Wölkchen in tiefgrau mit Windschauern. Das Wetter über dem See schlug um. Unser seltsames Wasserfahrzeug dümpelte sachte.

Kein Problem für professionelle Jachten: Man zieht den Mast ein, wirft den Motor an und schippert in den sicheren Hafen hinein.

Hier entwickelte sich das anders. Es gab auf einmal heftige Wellen. Das Schiffchen kam nicht von der Stelle. Es dreht sich rundum im Sturm. Ich spürte ein flaues Gefühl im Magen. Bald wurde mir richtig schlecht und ich reiherte über die Bordwand. Der Kleine klopfte mir mitleidig auf den Rücken. Zuerst schwammen Schweinehalsstückchen und Bier im See, danach kam bloß noch grüne Galle.

Mir fielen plötzlich wieder alle möglichen Gebete aus meiner Kinderzeit ein, obwohl ich schon längst aus der Kirche ausgetreten bin. Ich schwor lauthals, eine Kerze im Kloster Birnau zu stiften.

Unser Segelbootkonstrukteur wurde bei meinem mitleiderregemdem Getue ständig leiser. Der Kartoffelsack hing immer noch schlaff am Mast. Fast wären wir gekentert, doch dann brachte uns wohl diese Bewegung in die richtige Richtung. Der Sturm blies uns nach gut drei Stunden irgendwo an Land. Wir strandeten in der Schweiz.

Ich werde nie den leuchtenden Blick des kleinen Jungen vergessen, als das Boot knirschend auf dem Kies von Romanshorn aufsetzte. Er klatschte freudig in die Hände.

Ich allerdings war von oben bis unten vollgekotzt und lachte hysterisch über die unerwartete Rettung. Ich hatte mit meinem Leben schon innerlich abgeschlossen.

Seitdem habe ich gewaltige Panik vor Schiffen und Booten aller Art. Die Achtung dieses kleinen Jungen habe ich damals außerdem verloren.

Social Networks:
Empfehlen Sie diesen Inhalt...
Erst aktivieren, dann empfehlen. So übertragen Sie Daten nur, wenn Sie es wünschen.
 1
Kinderspiele   abgeschlossen   Butterdampfer   auszuprobieren   Grilleinheit   Kartoffelsack   mittäglichen   mitleiderregemdem   angeschickert   unterhaltsamen   Windschauern   Camping-Nachbarn   professionelle   SCHWÄBISCHEN   Wasserfahrzeug   Schweinehalsstückchen   traumatischen   Segelbootkonstrukteur   Erlebnisgeschichten   vorsichtshalber