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WARTEZIMMERBEKANNTSCHAFTEN
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14.06.18 07:04
bruddl-supp.de 

Moderator

WARTEZIMMERBEKANNTSCHAFTEN

Die meisten Schaffenden, die lohnabhängig mitten im Leben stehen, empfinden folgende Szene als unzumutbar: Man muss wegen irgendeinem gesundheitlichen Defekt eine Arztpraxis aufsuchen, meldet sich dort am Empfangstresen an, tritt durch die Tür des weiß getünchten Wartezimmers und findet auf den spärlich vorhandenen Hartholzstühlen keinen einzigen freien Sitzplatz mehr. Man stellt sich folglich mit dem Rücken an die Wand, zählt in Gedanken automatisch die Anzahl der wartenden Patienten durch und multipliziert diese Ziffer etwa mit zehn bis fünfzehn Minuten hoch, um zu errechnen, wann man etwa im Lauf des Tages an der Reihe sein könnte, um beim hoffentlich heilenden Doktor vorzusprechen.

Durch das unbequeme Stehen gerät man in eine schlechte Gemütsverfassung, betrachtet die wartenden Konkurrenten als persönliche Feinde und verflucht, dass man ausgerechnet an einem Tag zum Quacksalber geht, an dem Hinz und Kunz meint krank feiern zu müssen. Man schaut sich missmutig in der Runde der angeblich Leidenden um und regt sich unnötig auf, was auf die eigene Gesundheit kaum genesend wirken dürfte. Am allerwenigsten versteht man in seinem Brass, warum in aller Herrgottsfrühe hier schon zahlreiche murmelnde Greise herumlümmeln müssen. Diese hätten ja doch wirklich nun später am Tag Zeit für ihren Arztbesuch gehabt.

Ein siechender Rentner selbst sieht das bestimmt ganz anders. Zu Hause ist´s langweilig. Man wirkt körperlich eingeschränkt und hat keine Möglichkeit mehr, an öffentlichen Veranstaltungen oder Konzerten teilzunehmen. Die Enkel meiden einen aufgrund des schlechten Körpergeruchs und haben sich in nächster Zeit nicht zum Besuch angesagt. Wo also will man erstens Zerstreuung finden und zweitens andere Leute kennenlernen? Ja klar, beim Onkel Doktor morgens um acht.

Zu dieser Uhrzeit besucht man daraufhin reihum alle möglichen Fachärzte der Heimatstadt. Dabei stößt man natürlich immer wieder auf die gleichen Patienten seines Alters. Man kommt in Gespräche, tauscht Informationen über seine Krankheiten aus und belächelt ungeduldige Arbeitnehmer, die einem die Anwesenheit im Wartezimmer missgönnen und an Wänden rumstehen dürfen. Man erzählt sich den neusten Klatsch aus der Welt der Medizin und verabredet sich zu anderen Arztterminen. Nach langer intensiver Bekanntschaft trifft man sich dann gewiss gar immer wieder in den hiesigen Krankenhäusern zu Operationen oder auf Friedhöfen bei Beerdigungen. -

Jetzt wird über Lautsprecher ein Patient aufgerufen, in ein hiesiges Behandlungszimmer einzutreten. Sofort werfe ich mich auf den frei gewordenen Stuhl. Gleich darauf schiebt sich ein humpelnder Tattergreis an einem Rollator herein. Alle Wartenden starren mich feindselig und auffordernd an. Ich bin wohl der Jüngste hier im Wartezimmer, und schon stehe ich wieder an meiner getünchten Wand. -

Sollte ich in etlichen Jahren ebenfalls meine Rente ergattern - bis dahin muss man wahrscheinlich bis 75 arbeiten - bleibt mir bestimmt aufgrund wirtschaftlicher und politischer Unzulänglichkeiten nicht mehr allzu viel Kohle übrig, meinen Lebenskomfort wie gewünscht zu bestreiten. Dann wird diese Methode mit den Wartezimmerbekanntschaften von mir aus bestimmt auch in Erwägung gezogen werden müssen.

Letztendlich bleibt einem nach fast endlos erscheinendem Arbeitsleben wohl nicht viel anderes mehr übrig: So sparst du Geld, kommst unter Leute und tust was für deine Gesundheit. Ab und zu fällt sogar bei einem Leichenschmaus ein Stückchen Hefezopf ab. Ich kann meine ferne Zukunft schon förmlich schmecken.

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