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NUR EIN SIMPLER CLOWN
#1
Mein Sohn war als Kind schon ein hervorragendes Rechen-Genie. Er konnte sämtliche Zahlen im Kopf zusammenrechnen, von einander abziehen, malnehmen oder teilen. In diesen Grundrechenarten machte ihm keiner etwas vor. Diese Liebe zu den Zahlen hatte ich in ihm entfacht. Für mich war es deshalb natürlich klar, dass ich ihm einen Studienplatz oder zumindest eine gehobene Lehrstelle suchte, die diese außergewöhnliche Begabung entsprechend würdigte und honorierte.


„Sie sind ein fürsorglicher Vater,“ sagten mir dann auch diverse Hochschuldekane, Personalchefs, Bankdirektoren und Berufsberater, „aber heutzutage gibt es Elektronen-Gehirne, die sich vom Taschenrechner bis zum Computer mit der Verarbeitung dieser untergeordneten Rechenarten beschäfitigen. Wer braucht da bitte die Fähigkeiten ihres Sprösslings? Sogar beim Supermarkt an der Kasse werden die Beträge von der Scan-Kasse zusammmengerechnet.“


Mein Sohnemann honorierte meine Versuche auf dem Arbeitsmarkt mit anerkennenden Worten. „Lieber Vater, du hast deine Pflicht wahrlich getan. Ich erkenne deine Mühen an und analysiere die daraus resultierenden Ergebnisse. Ich geh jetzt in die Welt hinaus und entwickle meine eigenen Geschäfts-Praktiken. Und ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen und deine hohen Erwartungen zu befriedigen.“


Der Junge arbeitete lange irgendwo als Hilfsarbeiter beim Straßenbau. Ich war fast schon am Verzweifeln. Aber nebenher nahm er Schauspiel-Unterricht. Danach suchte er sich eine scheinwerfertaugliche Bühnenpartnerin aus, die nicht auf drei zählen konnte, aber ein großes Herz am richtigen Fleck hatte.


Jetzt legte sich der Bub einen schicken Programm-Namen zu und nannte den Gesamt-Ablauf „Geheimnisvolle Nummern, Ziffern, Zahlen“, wobei der Assistentin nummernmäßig wohl der große Busen-Umfang zugedacht war. Der Junior benannte sich als „das Ziffern-Genie“, trat bleich geschminkt im Frack auf, zog immer wieder Zahlen-Spielkarten aus einem Zylinder und verblüffte jedesmal damit das Publikum seiner Varieté-Darbietungen. Am Dekollete der Assistentin war tatsächlich ein Schild mit der Größenangabe 102-ZZ angebracht, was aber nicht ganz den Tatsachen entsprach. Trotzdem wurde dieses Thema immer wieder in den Programm-Ablauf eingebaut und trug erheblich zum Erfolg der Darbietung bei.


In der Bühnen-Show des „Ziffern-Genies“ durften die Zuschauer per Taschenrechner oder Laptop überprüfen, ob es tatsächlich stimmt, dass ein Mensch geistig in der Lage ist, mathematische Aufgaben mit höheren Zahlen allein aus dem Gedächtnis heraus zu bewältigen. Die Leute riefen meinem Sohn Zahlen zu. Er musste diese addieren, subtrahieren, multiplizieren oder dividieren. Die Ergebnisse wurden elektronisch überprüft. Sogar Wurzeln konnte er bis auf zwei Stellen hinter dem Komma ausrechnen.


Die Show wurde ein gigantischer Bühnen-Erfolg. Der Bub kaufte mir ein kleines Häuschen am Rand seines Geburts-Orts. Ich brauchte ab da nie wieder Miete an jemanden zu bezahlen!


Doch als treusorgender Vater kann ich kaum glauben, was hier am Ende all der Bemühungen auf der Suche nach einem seriören mathemastischen Job heraus gekommen ist. Der Junge verdient sechsstellige Summen im Jahr. Er heiratet auch endlich diese ausladende Assistentin und nimmt demnächst ein langjähriges Engagement in verschiedenen Casinos in Las Vegas an.


Was habe ich nicht alles versucht, um dem Knirps einen gediegenen Beruf angedeihen zu lassen, der seinen enormen geistigen Fähigkeiten entsprach. Und was ist am Ende aus ihm geworden? Nur ein simpler Clown!
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