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STEFAN MUSS WEG
#1
Schon wieder dieser seltsame Traum. Ich lebe in einer fremden Wohnung mit einer jüngeren Frau und einem halbwüchsigen Mädchen zusammen. Jeder von uns hat ein eigenes Zimmer. Zum Essen trifft man sich in einer Küche mit Tisch und Stühlen und bespricht banal alltägliches.


Das Mädchen redet mich mit „Papa“ an, und die Frau sagt „Stefan“ zu mir, obwohl ich so nicht heiße. Wenn ich mich in so einem Traum am Waschbecken wasche, sehe ich im Spiegel immer noch mein alt vertrautes Gesicht mit dem grauen 3-Tage-Bart und der verschmierten Brille, aber irgendeinen „Stefan“ kann ich dahinter nicht erkennen.


Wenn ich dann aufwache, muss ich mich erstmal in der Wohnung neu orientieren. Die Liegenschaft in meinem Traum ist nämlich anders geschnitten. Die Räume sind irgendwie alle seitenverkehrt. Meine richtige Frau, sie heißt Käthe, sieht auch ganz anders aus als die Dame, die mich „Stefan“ nennt. Wir wohnen zu zweit, ebenfalls in verschiedenen Zimmern, aber eine Tochter haben wir nicht.


Ich erzähle Käthe von dem Traum. „Wie heißt denn das Mädchen?“ fragt sie neugierig. „Keine Ahnung.“ “Frag sie doch mal, vielleicht erinnert dich dann der Name an irgend eine frühere Lebens-Situation.“ „Gute Idee, da kann ich die Frau auch gleich nach ihrem Namen fragen.“


Zwei Tage später stecke ich wieder in meinem Lieblingstraum. Da ich ja weiß, dass es ein Traum ist, brauche ich keine Rücksicht zu nehmen. „Leute, ihr müsst mir weiter helfen. Ich habe seit neustem Gedächtnislücken und lebe an zwei verschiedenen Orten. Hier heiße ich Stefan, aber in der andern Welt werde ich von meiner eigentlichen Ehefrau Käthe Uli genannt. Dort habe ich auch keine Tochter.“


„Deshalb wirkst du in letzter Zeit geistig immer so abwesend. Du heißt Stefan Marks, mich hast du am 2.5.2002 in Hamburg geheiratet. Ich heiße Isolde. Und unsere Tochter wurde von uns Melanie getauft.“ „Ja, Papa, du grübelst ständig rum und wirkst immer merkwürdiger. Du solltest mal zu einem Traumdeuter geh´n, das hilft uns allen bestimmt weiter!“


Jule Weigle lebt in meiner eigentlichen schwäbischen Heimat, also sehr weit von Hamburg entfernt. Sie schreibt auf ihrer Website, dass sie Träume deuten kann. Ich besuche sie und schildere mein Problem.


„Die wichtigste Frage zuerst: In welcher dieser beiden Parallelwelten möchtest du lieber leben – in der normalen oder in der offensichtlich geträumten?“


„Ich will ohne Probleme leben. Ich bin im Rentenalter, verstehe mich gut mit meiner Frau und habe auch keine Lust, mich um die Sorgen einer pubertierenden Tochter einschließlich Schule, Lehrstelle und Verlobungskandidaten zu kümmern.“


„Alles klar, wir bleiben beim Uli. Stefan muss weg!“


Jule Weigle mischt mir ein paar Schlaftränklein zusammen. Diese sollen gegen Isolde und Melanie helfen.


Aber schon in der dritten Nacht schleicht plötzlich Isolde in mein Zimmer. Sie schmiegt sich an mich und saugt all meine Säfte und Kräfte in sich auf. Zu so etwass ist Käthe wohl nicht mehr in der Lage. Wer wollte da nicht Stefan bleiben? Melanie zeigt mir ihre neusten Zeugnisse. Sie hat überall nur Einsen und steht kurz vor dem Abitur. Ein Pharmakonzern hat ihr ein Stipendium auf dem Medizinsektor mit anschließender Übernahme in der Forschungsabteilung des Werks angeboten.


Stefan muss weg?


Als Uli habe ich jetzt immer mehr gesundheitliche Probleme. Auch Käthe siecht nur noch dahin. Wir wechseln uns stationär in den Hospitälern der Umgebung gegenseitig ab.


Dieser Stefan kommt mir da im Traum immer ganz anders vor. Isolde scheint ihn aufzubauen. Und die Leistungen seiner Tochter Melanie machen ihn stolz, woraus er zusätzlich Energie bezieht.


Stefan muss weg? Langsam bin ich mir da nicht mehr so sicher. Käthe erzähle ich natürlich nichts von meinen Zweifeln, aber Jule Weigle schüttelt bedenklich den Kopf, als ich meine neuen Pläne anspreche.


„Stefan muss weg. Glaub mir, Uli, das scheint das beste für alle. Trotzdem werde ich versuchen, dir mit einem letzten zusammengebrauten Elexier noch einmal zu helfen. Aber billig wird das nicht!“


In der Nacht sehe ich nach, ob es Käthe gut geht. Sie winkt mir zu, und ihr Fernseher läuft. Ich drücke ihr einen Kuss auf die Stirn und nehme dann in meinem Zimmer einen Schluck von dem Jule-Weigle-Elixier.


Kurz darauf schlafe ich ein und wälze mich scheinbar traumlos im Bett hin und her. Irgendwann wache ich auf und muss zum Pinkeln. Automatisch laufe ich nach links, wo sich das Klo meiner alten Wohnung befindet. Da ist es aber nicht, sondern ich stehe mitten in einer hell erleuchteten Küche. Um einen Tisch sitzen mehrere junge Leute. Vor jedem steht ein Glas mit Wein.


„Na endlich kommst du, Paul,“ sagt ein offenbar angetrunkener Mensch mit rotem Vollbart. „Leute, das ist Paul. Ihm gehört die Wohnung. Er hat nichts dagegen, wenn wir es uns hier die nächsten Wochen gemütlich machen. Genügend Vorräte habe ich besorgt!“


„Mann, ist der knuddelig,“ meint ein junges blondes Mädchen. „Paul, wo ist denn dein Zimmer? Hast du was dagegen, wenn ich dir nachher mal den Rücken kraule?“


Da strahle ich über alle vier Backen. „Herzlich willkommen, ihr Leute. Ich glaube, Stefan und Uli müssen wohl weg. Der Rest darf hier bleiben.“ Zuerst schauen die Leute etwas konsterniert, aber dann lassen sie mich hochleben.
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