Wenn Sie uns unterstützen möchten verwenden Sie für Ihren nächsten Einkauf bei Amazon diesen Link.

Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
AM SCHEIDEWEG
#1
Ich liege jetzt schon seit mehreren Wochen zum dritten Mal innerhalb eines Jahres bei uns im Städtischen Krankenhaus auf der Onkologie. Eine weitere Operation dürfte demnächst auf mich zukommen. Das Personal der Abteilung zeigt großes Mitleid für mich. Die kriegen natürlich auch am Rande so mit, dass ich nicht allzu viel Besuch empfange.


Die lieben Verwandten, die das Sorgerecht über mich ausüben und mich gegen irgendwelche ärztlichen Pläne in Schutz nehmen sollten, haben offensichtlich keine Zeit für mich. So sieht´s aus, und daran kann ich nun mal nicht viel ändern. Gott sei Dank lerne ich im Hospital ständig lustige Patienten kennen, die mir von ihrer inneren Einstellung her Mut machen.


Die Pflegekräfte der Abteilung sind toll. Einer meiner Lieblingspfleger ist der sanfte Charly. Er kennt wahre Wundermittel aus dem Arznei- und Giftschrank, um meine Qualen zu lindern. Wenn er mich zur Nachtschicht am Rücken und an den neuen Narbenherden eincremt, stellt er dezente Fragen und lauscht dann aufmerksam meinen Berichten.


„Lieber Herr Groß,“ sagt er eines abends, „wir müssen den Tatsachen in die Augen schauen. Ich darf das eigentlich nicht zu Ihnen sagen, aber Sie haben Krebs von der Sorte, die man nicht mehr heilen kann. Sie müssen demnächst von dieser Welt scheiden. Das läuft dann in der Regel so ab: Sie werden bestrahlt, Sie bangen und hoffen, Sie erleiden einen Rückfall, Sie kehren irgendwann nicht mehr aus der künstlich erzeugten Ohnmacht zurück und sind gestorben.“


„Ach, Charly,“ antworte ich milde, „das sind doch eigentlich schöne Aussichten. Ich spüre dann keine Schmerzen mehr, kriege eine Pille und gleite hinüber in irgendein Jenseits.“


„Ich glaube nicht, dass Ihnen von der Würde her so ein dumpfer Tod angemessen erscheint. Sie hätten besseres verdient!“


„Na klar, Charly, wir schütten am Ende noch ein paar Tropfen Prosecco in den Tropf.“


„Spaß beiseite, nicht nur das. Wir könnten wirklich alle den Medizinern zugänglichen Rauschmittel für Sie anwenden, um es so richtig knallen zu lassen und Ihnen am Ende einen gigantischen Abgang zu verschaffen. Wir schmeißen eine zünftige Party, zu der sie alle möglichen Leute einladen dürfen und an derem Höhepunkt Sie mit Pomp und Getöse auf den Scheideweg abbiegen. Das würde Sie allerdings ein bisschen was kosten. Das Fest können Sie mit Ihrer Kasse nicht abrechnen. Das ist jetzt kein Witz, das geht tatsächlich. Aber Sie müssten mir im Vorfeld die Ausgaben natürlich in bar ersetzen.“


„Echt, und wo lässt man so eine Feier steigen?“


„Wir haben unten im Keller einen abgeschirmten Raum, da bauen wir dann Essen und Getränke auf. Es gibt ein Mehr-Gänge-Menue mit Weinkarte und weißen Tischdecken natürlich. Musik zum Tanzen kommt vom CD-Player. Und geschwoft wird nach dem Essen ohne Ende. Da läuft Ihnen der Schweiß in Strömen aus dem Schlafanzug! Die Gäste-Liste müssten selbstverständlich Sie erstellen, Herr Groß. Ich wiederhole immer wieder: Ganz billig wird das nicht. Eine Flasche Schampus kostet ja schon mindestens 25 Euro.“


„Was es nicht alles gibt! Ich überleg mir das wirklich ernsthaft, Charly. Ich halte das für eine tolle Idee, und auf 500 Euro oder so soll es mir da wirklich nicht ankommen.“


„Das wird nicht ganz reichen, lieber Herr Groß. Aber gönnen Sie das Geld ruhig lieber als Erb-Masse ihrer schäbigen Verwandtschaft, die sich nicht um sie kümmert. Falls Sie es sich doch noch überlegen, einfach rechtzeitig Bescheid geben. Ich brauch ein paar Tage, um alles zu arrangieren. Wir müssen auch die Schichtpläne vom Personal berücksichtigen. Da stehen mir einige Schwestern zur Verfügung, die wahnsinnig gerne das Tanzbein schwingen.“


„Ja, ja, ich hab´s kapiert. Und jede braucht ein bisschen Gage, die man nicht mit der Krankenkasse abrechnen darf.“


In meiner Situation habe ich nun genügend Zeit, über den Vorschlag nachzudenken. Er kommt mir immer verlockender vor. Nach und nach erstelle ich schon mal die Gästeliste, die aus Patienten, Pflegepersonal, aber auch aus Nachbarn und Bekannten besteht. Diese Liste übergebe ich eines Abends dann dem sanften Charly.


„Sind das alle? Da fehlen noch ein paar Leute. Der Klinik-Pfarrer wäre vielleicht sinnvoll zur letzten Feier.“


„Oh Gott, nein, Charly, mit Pfaffen habe ich nichts am Hut!“


„Wie Sie wünschen, Herr Groß. Aber ein Anästhesist sollte auf jeden Fall mit dabei sein. Mann weiß ja nie. Ich kenne da eine nette junge Ärztin aus der Inneren, tanzt auch gerne und gut. Geht allerdings auf Privatrechnung. Aber denken Sie immer dran, dass sonst das Geld Ihre bucklige Verwandtschaft kriegt, die sie hier verrotten lässt!“


Langsam steigen wir in verbindliche Verhandlungen ein. Charly erscheint jetzt jeden Abend bei mir und kassiert immer wieder aufs Neue ein paar Scheinchen. Ich muss vom Bankautomat in der Lobby mehrmals 1000 Euro abheben (geht nur einmal am Tag) und diese ohne Quittung aushändigen. Dieses Kapital fließt dann angeblich hauptsächlich auf die Privatkonten von Ärzten, Pflegern und Caterern.


Charly steht jeden Abend auf der Matte. Ob das in seinem Dienstplan so vorgesehen ist, wage ich zu bezweifeln. Er verpasst mir als Belohnung immer eine Spritze, die mich zuerst richtig fit macht und später in Müdigkeit versinken lässt. Irgenwann haben wir die Einzelheiten dieser komplizierten Abschiedsfeier endgültig festgelegt.


„Wann ist es denn endlich soweit, Charly?“ frage ich immer ungeduldiger. Charly kommt jetzt plötzlich nicht mehr jeden Tag, und das macht mich stutzig.


Irgendwann mag er mich aber wohl nicht mehr vertrösten. Er verpasst mir einfach wieder eine seiner tollen Spritzen. Diesmal explodiert in meinem Gehirn ein Feuerwerk. Was man nicht alles erleben darf! Lachend renne ich im Traum einen moosigen Pfad entlang, der in einem Tunnel endet. Leute stehen am Wegrand und spenden mir Applaus.


„Machen Sie´s gut, lieber Herr Groß,“ höre ich eine sanfte Stimme, „danke für mein neues Motorrad. Dies hier ist übrigens ihr Scheideweg. Sie sollten die letzten Meter geniessen!“
Zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste