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NA, WAS MEINST DU
#1
Na, was meinst du? Einmal davon kann doch nicht schaden.“
Wie oft habe ich diesen Spruch in meinem Leben schon bereut!
Die erste Zigarette, das erste Glas Bier, die erste Aufputschtablette, der erste Joint, die erste Linie, der erste Diebstahl, der erste Gewaltakt – all das habe ich nun schon hinter mir. Aber immer wieder gibt es neue Situationen, in denen ich diesen Spruch hören muss.
Na, was meinst du? Einmal ausprobiert kann doch nicht schaden.“
Ich wusste zum Beispiel, dass Gerti eine geheimnisvolle Krankheit ausbrütete, als sie im Nachbarzimmer vom Krankenhaus lag, in dem ich meinen Tripper auskurierte. Als sie den Spruch zum Besten gab, konnte ich natürlich nicht wiederstehen. Zu meiner Schande muss ich anmerken, dass Gerti nicht mehr lebt und ich wahrscheinlich Schuld daran trage.
Neulich lernte ich Knut kennen. Er war Polier auf einer Baustelle und wollte mich mit dem Spruch in den vierten Stock eines Neubaus locken, um eine geregelte Arbeit als Bauarbeiter zu beginnen. Er und ich wussten nicht, dass ich unter Höhenangst leide. Folglich drehte ich da oben durch und verletzte mehrere Kollegen.
Dann sprach mich Max an und fragte, ob ich schnelles Geld verdienen wollte. Ich bräuchte nur kurz an der Ecke neben einem Juwelierladen Schmiere stehen. „Na, was meinst du? Einmal aufgepasst kann doch nicht schaden.“ Prompt saß ich im Knast und es dauerte ewig, bis ich wieder raus durfte.
Im Gefängnis nahm mich der Anstalts-Pfarrer ins Visier und fragte mich, ob ich nicht einmal in den Gottesdienst kommen wollte, was meine geschundene Seele bestimmt nicht angreifen dürfte.
Na, was meinst du? Einmal Seelenheilen kann doch nicht schaden.“
Also marschierte ich in die Andacht. Dort war ich von den ganzen Bildern, den Liedern und den honigsüßen Worten des Predigers so ergriffen, dass ich beschloss, mein Leben ab sofort nur noch der Kirche zu weihen.
Der Anstalts-Pfarrer besorgte mir einen Job als Küster, Meßner und Hausmeister im nahe gelegenen Gemeindezentrum. Dort fand auch der Konfirmanden-Unterricht der Dorfjugend statt. Unter diesen Schülern war ein herzallerliebstes Mädchen von strahlend reiner Keuschheit, wie ich noch nie eines in meinem Leben gesehen hatte. Ich verliebte mich auf der Stelle in sie. Eines Tages passte ich sie ab, zog sie in einen Seitengang und erzählte ihr von den Wonnen der Liebe. „Na, was meinst du? Einmal probiert kann doch nicht schaden.“ Gesagt, getan. Der Pfarrer erwischte uns dabei. Wie sich später herausstellte, war er selbst hinter dieser keuschen Seele her.
Jetzt also sitze ich mal wieder im Gefängnis. „Verführung Minderjähriger“ lautete die Anklage.
Offensichtlich komme ich mit dem normalen Leben nicht allzu gut zurecht. Ich tappe immer wieder in irgendwelche Fettnäpfe, die mich in einer Abwärtsspirale auf die unterste Stufe des Abschaum-Daseins führen.
Wie bitte komme ich jemals aus diesem Elends-Sumpf heraus? Wer von euch da draußen könnte mir helfen? Ich suche hiermit eine Briefpartnerin. Wo finde ich z. B. eine Frau, die sich meiner annimmt? Du musst nicht schön sein, du musst nicht jung sein. Ich brauche eine liebe Gattin, für die ich arbeiten möchte und der ich die Welt zu Füßen legen darf. Wir gründen eine Familie und spielen jeden Tag mit unseren Kinderchen. Mein Leben würde einen neuen Sinn erhalten.
Na, was meinst du? Einmal mich im Knast besuchen kann doch nicht schaden.“
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